Wein & Architektur

DIE ROLLE DES WEINGUTS

In der Beziehung zwischen Weinmacher und Weinliebhaber spielt der Besuch des Weingutes eine besondere Rolle. Keine andere Gelegenheit eignet sich ähnlich hervorragend, um Wein beurteilen und schätzen zu lernen. In medias res trifft der Genießer auf den Macher zum gemeinsamen „Genießen und Verstehen". Sehr treffend verfolgen die Brüder Lange in ihrem hier besprochenen Buch „Wein direkt" diesen sehr effektiven Weg zum Weingenuss. Neben der Qualität des Weinportfolios und der Persönlichkeit der Weinmacher trägt auch das äußere Erscheinungsbild dazu bei, den Besuch vor Ort zu einem angenehmen Erlebnis zu machen. Eine gelungene Architektur lädt zum Weingutsbesuch ein, schafft ein stilvolles Ambiente und bleibt in Erinnerung. Sie erfüllt ihre Aufgabe - das gemeinsame Genießen und Verstehen zu ermöglichen - jedoch nur wenn sie Attraktivität und Funktionalität vereinbart. Eine funktionale Gestaltung ermöglicht effizientes Arbeiten und vermittelt Authentizität. Reine Repräsentanzarchitekturen hingegen schaffen unnatürliche Fassaden, die den emotionalen und rationalen Zugang zum Wein und seinen Machern erschweren. Der Fokus der Architektur eines Weingutes sollte vielmehr darauf ausgerichtet sein, die Beziehung zwischen Weinmacher und Genießer zu intensivieren.

 

DAS PROJEKT

Als Winzer stellt sich für uns stets die konkrete Frage, wie man durch gestalterische Maßnahmen diesem Ziel näher kommen kann. Dabei sind wir für Inspiration durch Entwürfe von Fachleuten, wie den Architekturstudenten der TH Karlsruhe, besonders dankbar. Im Rahmen eines Hauptstudiumsentwurfs planten rund 40 Studenten und Studentinnen ein Familienweingut an der Nahe. Die Planung umfasste Konzeption, Umsetzung in Plan und Modell sowie eine Abschlusspräsentation im Plenum. Als fiktiver Bauplatz fungierte der Weinberg „Berg" in der Lage Traiser Rotenfels (siehe Bild 1). Das Grundstück schließt sich direkt westlich dem Rotenfelsmassiv an und ist nach Süden geneigt bevor es steil in Richtung Nahe abfällt. Zum Auftakt besuchten uns Studenten und Lehrstuhlvertreter in Traisen. Dabei stand neben Weinprobe und Weingutsbesichtigung die Begehung des Planungsobjekts im Vordergrund. Besonders diskutiert wurden die speziellen Anforderungen, die der qualitätsorientierte Weinbau (z.B. Ebenerdigkeit zur Minimierung der mechanischen Bearbeitung) und das Geschäftsmodell der Selbstvermarktung (z.B. Lagergestaltung, Vinothek) an die Architektur stellen. Über die folgenden 12 Wochen widmeten sich die Studenten intensiv der Konzeptualisierung des neuen Weingutes an der Nahe. Seinen Abschluss fand das Projekt mit der Präsentation der Ergebnisse am Institut für Baugestaltung, Baukonstruktion und Entwerfen des u. a. für die Gestaltung der Frankfurter Zeilgalerie bekannten Prof. Rüdiger Kramm in Karlsruhe. Wir freuen uns sehr Ihnen einen exemplarischen Einblick in dieses Projekt geben zu können. Folgende drei Arbeiten wurden am besten bewertet und mit Weinpräsenten belohnt.

 

Anna Schairer  Mit ihrem Entwurf nimmt Anna Schairer den Höhenlinienverlauf der unmittelbaren Umgebung gezielt auf und lässt die Räume subtil in den Hang ein. Das Gebäude öffnet sich in Richtung der Traiser Bastei und den Naheauen und dominiert auf diese Weise das Herzstück des Lagenensembles der mittleren Nahe. Die mehrstöckige Front weckt Assoziationen an sehr steile Weinbergsterrassen. Diese Wirkung wird durch die Aufnahme des Themas der Weinbergsmauern in der Fassadengestaltung (Material: Bruchsteine aus Porphyr Vulkangestein) verstärkt. Die horizontale Orientierung in den Berg stellt eine keller- und lagerwirtschaftlich effiziente Raumaufteilung und -nutzung sicher. In der Vertikalen optimiert die Raumanordnung die Nutzung der Schwerkraft und ermöglicht einen sehr schonenden Prozessdurchlauf von der Traubenanlieferung bis hin zur Flaschenlagerung. Ihr Weingut schmiegt sich so harmonisch in den Hang, dass es schon ewig den Rotenfels flankieren zu scheint.

 

Britta Weiss – Der Entwurf von Britta Weiss basiert auf einem engen Dialog mit der umgebenden Landschaft. Das Weingut ist in den massiven Fels eingelassen und passt sich in seiner Form dem Verlauf des Hangrückens an. So wird ein Weg entsprechend dem funktionalen Ablauf der Weinproduktion formuliert, der mit der Anlieferung der Trauben beginnt und mit dem Bereich Verkauf und Vinothek endet. In seiner äußeren Form gleicht sich das Weingut der typischen vielfältigen Struktur von Weinfeldern an, indem die Dachebenen der einzelnen Bereiche mit unterschiedlichen Rebsorten bestellt werden. Auf diese Weise kann die gute Lage am Weinberg "Berg" weiterhin genutzt werden. Neben dem Weingut befinden sich in dem anschließenden Gebäudeteil das Gästehaus und das Restaurant, von dem aus der Besucher bei einem Glas Wein den Anblick des Rotenfelsmassivs genießen kann.

 

Rebecca Falk – Im Gegensatz zu den ersten beiden Entwürfen platziert Rebecca Falk den Raum an der nördlichen Seite des Hanges. So bleibt die Nutzung des Weinbergs „Berg" weiterhin möglich. Das Weingut besteht aus einem zweigeschossigen Unterbau, auf dem sich in unregelmäßigen Abständen Riegel befinden, die unterschiedliche Funktionen innehaben. Diese Riegel nehmen die Richtung der Rebzeilen auf. Nach dem Betreten des ersten Gebäudeteils befindet man sich auf dem Wirtschaftshof des Weinguts, der von den zwei Gebäuderiegeln des Betriebsgebäudes und der Verwaltung aufgespannt wird. Im darauf folgenden Gebäudeabschnitt befindet sich die Vinothek. Dahinter gliedern sich in separaten Gebäuden das Restaurant, der Empfang mit dem Frühstücksraum und das Gästehaus an. Durch Einschnitte und Treppenanlagen verzahnt sich das Gebäude mit der Natur. Die Außenfassade aus Naturstein (Rhyolith) korrespondiert mit den Trockenmauern zur Abstützung der Terrassen und passt sich somit sehr gut in die Umgebung ein.

 

Diese Entwürfe erfüllen die Kernanforderungen an eine attraktive und zugleich funktionale Architektur - wir möchten jedoch betonen, dass die hier vorgestellten Arbeiten nur einen kleinen Ausschnitt einer insgesamt sehr hochwertigen Entwurfsreihe darstellen. An dieser Stelle möchten wir uns bei den zukünftigen Architektinnen und Architekten für die große Begeisterung mit dem dieses Projekt verfolgt wurde herzlich bedanken. Wie wir uns persönlich während der Abschlusspräsentation überzeugen konnten, begeisterten die Konzeptionen jede auf ihre Art, müssen jedoch für uns aus mehreren Gründen fiktiv bleiben.
Als Winzer fällt es sehr schwer beste Weinberge aus einer Spitzenlage, wie der Traiser Rotenfels, zu opfern. Hinzu kommt, dass der fiktive Bauplatz im Naturschutzgebiet liegt und daher auf behördliche Einwände stoßen würde. Des Weiteren haben wir in den vergangenen Jahren erhebliche finanzielle Mittel in u. a. architektonische Maßnahmen zur Optimierung der kellerwirtschaftlichen Abläufe investiert, so dass inkrementelle Erweiterungen in Traisen dem Neubau eines ganzen Weingutes nicht nur aus Gründen des Kapitaleinsatzes für uns vorzuziehen sind. Auch wenn nur ein reines Gedankenspiel - das Projekt bescherte uns einen inspirierenden Blick über den Tellerrand.

 
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